Institut für Theaterwissenschaft

Laufende Dissertationsprojekte

Die Darsteller*in als vermeintliche Hure. Überlegungen zu Prostitutionskoketterie in szenischen Vorgängen

Doktorand: Daniel Inäbnit
Betreuung: Prof. Dr. Beate Hochholdinger-Reiterer

Die Strategie, sich selber in einem szenischen Vorgang als Prostituierte zu verklären, dabei aber den dafür hinreichenden Umstand, effektiv sexuelle Dienste gegen materielle Vergütung auszuüben, nicht (zwingend) zu erfüllen, um damit eine Aura des positiv besetzten Anrüchigen zu erzeugen, soll in der Dissertation als Prostitutionskoketterie bestimmt werden. Es wird sich für diese Begriffsbestimmung als wichtig erweisen, dass sich die darstellende Person selber als Prostituierte inszeniert und die entsprechenden Zuschreibungen nicht ausschließlich vom Rezipienten generiert werden. Als theoretische Grundlage der Arbeit ist die 2014 erschienene Dissertation Das Theater der Prostitution. Über die Ökonomie des Begehrens im Theater um 1900 und der Gegenwart von Melanie Hinz zu betrachten. Es ist davon auszugehen, dass die Phänomene Theater und Prostitution schlüssige Beziehungen eingehen und sich in mancherlei Hinsicht sogar bedingen, was an diversen Beispielen zu belegen wäre. Die Frage, wie ein sinnvoller Übergang von Hinz’ Ökonomie des Begehrens zum eigens erschaffenen Begriff der Prostitutionskoketterie argumentativ zu bilden ist, wird eine Herausforderung des Dissertationsprojekts darstellen. Eine verklärende oder idealisierende Sichtweise auf  Prostitution ist vermutlich schon seit der Antike zu beobachten und hat vielerlei Gründe; selbstinszenatorische Aspekte könnten hierbei als Desiderat bezeichnet werden. Ab dem 20. Jh. greifen Literatur und besonders die  darstellenden Künste, welche in sog. metropolitanen Räumen geschaffen werden, ihre Protagonist*innen besonders verdichtet als mögliche Huren, nicht nur in einem ablehnendsexualisierten,  sondern teilweise auch affirmativen oder verklärenden Kontext auf. Dies ist bis heute in der Populärkultur festzustellen - seit den 1980er Jahren meistens aus angeblich emanzipatorischen oder parodistischen Gründen. Ein äußerst ironischer, subversiver aber auch höchst euphemistischer Blick auf Prostitution ist derweil besonders in der so genannten LGBTQ-Community festzustellen, als  deren Aushängeschild Drag Queens bezeichnet werden können. Ein besonderes Augenmerk soll hierbei zudem auf die Stadt Berlin gelenkt werden, die sich gerade hinsichtlich LGBTQ-Community und Travestiekunst bzw. Drag auch als historischer Ausnahmefall präsentieren könnte.